Unser Ansatz

Hier stellen wir den Ansatz unserer Bildungs- und Beratungsarbeit vor. Wie verstehen wir die Ausgangsituation in Bezug auf Antiziganismus in Deutschland und Europa? Was sind unsere konkreten Ziele und wie möchten wir durch unsere Arbeit im Themenkomplex Antiziganismus dort hingelangen?

Ausgangssituation

Antiziganismus, also der spezifische Rassismus gegen Sinti* und Roma* oder dafür gehaltene Menschen, ist in Europa seit Jahrhunderten weit verbreitet und tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Sinti* und Roma* kamen vor etwa 600 Jahren nach Westeuropa und bereits aus dieser Zeit sind die ersten Verfolgungen und Ausgrenzungen dokumentiert. Die antiziganistischen Stereotype sind über die Jahrhunderte erstaunlich stabil geblieben – auch daran sieht man, dass es sich um eine Projektion, ein Feindbild der Dominanzgesellschaft handelt, nicht um die Eigenschaften real existierender Menschen. Bereits im Spätmittelalter gab es beispielsweise Niederlassungsverbote für Sinti* und Roma*. Ihre Ausgrenzung, Diffamierung und Verfolgung kulminierte im rassistischen Genozid durch die Nationalsozialisten: Etwa eine halbe Million Sinti* und Roma* wurden ermordet, das waren 90 Prozent der Community. Erst vor wenigen Jahrzehnten wurde dieser Genozid überhaupt als solcher anerkannt.

Heute sind Sinti* und Roma* mit 10 bis 12 Millionen Menschen die größte europäische Minderheit. In Deutschland wird antiziganistische Ausgrenzung oft als ein osteuropäisches Thema gesehen. Tatsächlich können aber deutsche Sinti* oder französische Manouche genauso davon berichten. Der Sensibilisierungsgrad ist in den europäischen Dominanzgesellschaften so gering, dass Stereotype mitunter nicht mal als solche erkannt werden. Die Leipziger Autoritarismus-Studie und andere Erhebungen belegen regelmäßig enorme Zustimmungsraten zu antiziganistischen Aussagen.

Es gibt inzwischen zahlreiche Selbstorganisationen der Sinti* und Roma*, von denen einige bereits auf einige Jahrzehnte erfolgreicher Bürgerrechtsarbeit zurückblicken können. Es gibt Bemühungen auf europäischer Ebene und es gibt jugendliche Sinti* und Roma*, die sich international vernetzen, sich empowern und sich gegen Antiziganismus einsetzen. Die Kompetenzstelle gegen Antiziganismus sieht sich hier als Verbündete und Brückenbauerin in die Gedenkstättenlandschaft und die Dominanzgesellschaft. Dabei erkennt sie an, dass Antiziganismus seinen Ursprung in der Dominanzgesellschaft hat und es daher auch in ihrer besonderen Verantwortung liegt, sich kritisch mit eigenen Strukturen, Vorurteilen und Ausschlussmechanismen auseinanderzusetzen sowie aktiv gegen Antiziganismus in Geschichte und Gegenwart vorzugehen.

Wie wollen wir etwas ändern?

KogA verknüpft historisch-politische Bildung im Kontext von NS-Gedenkstätten mit Menschenrechts- und Demokratiepädagogik sowie rassismuskritischer Praxis und Organisationsentwicklung. Um nachhaltige Veränderung anzuregen, geht es uns nicht nur um individuelles Umdenken, sondern auch um die Auseinandersetzung mit institutionellen Strukturen, Kulturen und Praktiken, etwa in der Behörde oder Schule. In unserer Bildungsarbeit thematisieren wir die gesellschaftlichen Strukturen, die Diskriminierung von Sinti* und Roma* hervorbringen. Dabei legen wir Wert auf eine Zusammenarbeit mit Roma*- und Sinti*-Aktivist*innen und Selbstorganisationen.

In unseren Qualifizierungs- und Beratungsangeboten legen wir einen starken Fokus auf praxisbezogene Handlungskompetenzen und verknüpfen die historisch-politische Bildungsarbeit im Umfeld von Gedenkstätten mit Methoden der Demokratie- und Menschenrechtsbildung. Dies wird ergänzt durch Ansätze, Konzepte und Methoden zur inklusiven Entwicklung von Schulen, Kommunen, Organisationen sowie diversitäts- und menschenrechtsorientierter Personal- und Organisationsentwicklung.

Mit unseren Beratungs- und Bildungsangeboten befördern wir sowohl die kritische Reflexion eigener Haltungen als auch die Sensibilisierung für Mechanismen und Effekte institutioneller Diskriminierung. Insbesondere der Abbau von strukturellen Barrieren kann maßgeblich zu einer gleichberechtigteren Teilhabe von Sinti* und Roma* in unserer Gesellschaft beitragen.

Neben unserem klassischen Seminarprogramm und der Arbeit im Kooperationsverbund arbeiten wir außerdem daran, das Thema Antiziganismus stärker im Gedenkstättenkontext zu verankern. Wir sind dabei, weitere Veranstaltungsformate zu etablieren, ebenso wie digitale Bildungsarbeit in sozialen Medien. Dabei legen wir den Fokus auf historisch-politische Bildung über Instagram, u.a. über Beiträge zu aktuellen politischen Debatten sowie Medien-Monitoring im Themenkomplex.

Ziele

  • Ausbau der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, um Antiziganismus stärker sichtbar zu machen und dafür zu sensibilisieren
  • Durchführung von niedrigschwelligen öffentlichen Angeboten (bspw. kulturelle Veranstaltungen), um neue Zielgruppen zu erreichen, die Communites zu unterstützen und ihre Vielfalt sichtbar zu machen
  • Planung, Konzeption und Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen für berufliche Akteur*innen unterschiedlicher Instiutionen (Inhouse, Tagesseminare, Modulare Programme)
  • Arbeit mit Instiutionen und Organisationen im Rahmen des Ansatzes “Qualifizieren - Beraten - Begleiten”
  • Aufbau einer bundeszentralen Infrastruktur im Kooperationsverbund
  • Ausbau des „Netzwerks historisch-politische Bildungsarbeit zur Verfolgungsgeschichte von Sinti und Roma im Nationalsozialismus“
  • Qualifizieren - Beraten - Begleiten von Multiplikator*innen in Gedenkstätten zu intersektionalen, antiziganismuskritischen und phänomenübergreifenden Ansätzen.

Antiziganismus-Verständnis und Disclaimer

Antiziganismus ist der spezifische Rassismus gegen Sinti* und Roma* sowie dafür gehaltene Menschen. Die antiziganistischen Klischees sind eine Zuschreibung der Dominanzgesellschaft und konstruieren die Betroffenen als "die Anderen". Antiziganismus ist historisch tief verwurzelt und wirkt bis heute in alle Ebenen des Alltags fort. Er kann bis hin zu körperlicher oder sogar tödlicher Gewalt reichen und ganze Biografien prägen. Antiziganismus stabilisiert gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.

Wir, als Team aus nicht von Antiziganismus betroffenen Personen, haben nicht den Anspruch oder die Absicht, unsere eigene Antiziganismus-Definition hervorzubringen.

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen, die alle unterschiedliche Aspekte von Antiziganismus hervorheben. Wir arbeiten mit Definitionen, die die historische Verwurzelung, die systematische Ausgrenzung und die Konstruktion von Betroffenen als “die Anderen” berücksichtigt. Ein zentraler Punkt dabei ist die systematische Verfolgung und Vernichtung von Sinti* und Roma* in der NS-Zeit (sowie anderen unter der rassistischen Fremdbezeichnung verfolgten Menschen) und die Bedeutung des Völkermords und der Verfolgung für heutigen Antiziganismus. Wichtig ist außerdem, dass Antiziganismus, die Betroffenen auf allen Ebenen des Alltags einschränkt, ausgrenzt, diskriminiert, körperlich verletzt oder sogar töten kann.

Die International Holocaust Rememberance Association (IHRA) definiert folgendermaßen: „[Antiziganismus manifestiert sich in Äußerungen und Handlungen,] die gegen Sinti und Roma sowie andere Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sind, die zur Zeit des Nationalsozialismus und noch heute als ,Zigeuner‘ wahrgenommen, stigmatisiert oder verfolgt wurden bzw. werden. Dies führt dazu, dass Sinti und Roma als eine Gruppe vermeintlich Fremder behandelt werden, und ihnen eine Reihe negativer Stereotypen und verzerrter Darstellungen zugeordnet wird, die eine bestimmte Form des Rassismus darstellen.“ 

  • Die Delegitimierung der rassistischen Fremdbezeichnung Zigeuner stellt einen bedeutenden Erfolg der Bürgerrechtsbewegung Sinti* und Roma* und der durch sie angeschobenen Demokratisierung in Deutschland dar. Niemand ist oder war je ein Zigeuner und sollte auch nicht so bezeichnet werden! In Anerkennung dieses Erfolges nutzen wir den Begriff nicht an erster Stelle und beschreiben Antiziganismus zunächst ohne diesen Begriff.

    Allerdings ist die Figur des Zigeuners und der Glaube an die Existenz von Zigeunern Kernstück eines antiziganistischen Weltbildes. Die Aufladung dieser Figur mit Bildern, Klischees, rassistischen Merkmalen, vermeintlichen kultureller Fremdheit oder unterstellten normabweichenden Verhaltensweisen stellte und stellt die Grundlage antiziganistischer Ausschlussmechanismen dar. 

    Da es sich bei der antiziganistischen Vorstellung um eine phantasmatische Figur des Zigeuners handelt, verfehlt diese reale Menschen in ihren unterschiedlichsten Eigenschaften. Doch trifft Antiziganismus reale Menschen, zumeist Sinti* und Roma*. Gerade in unserer historisch-politischen Bildungsarbeit zum nationalsozialistischen Antiziganismus und seinen Kontinuitäten ist es jedoch wichtig, klar zwischen der Verfolgungskategorie des Zigeuners und realen Sinti* und Roma* zu unterscheiden. Zugleich ist die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Kategorie Zigeuner wichtig für ein Verständnis der Geschichte und für die daraus folgende Delegitimierung des Antiziganismus. Die Nationalsozialist*innen nutzten zur Bestimmung derjenigen, die verfolgt werden sollten, häufig Ausführungen wie die folgende: „alle Personen, die nach ihrem Aussehen, ihren Sitten und Gebräuchen als Zigeuner oder Zigeunermischlinge angesehen werden, sowie alle nach Zigeunerart umherziehenden Personen“ (Quelle: Ministerialblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern, 14.Dezember 1938, Nr. 51, Spalten 2105-2110). Dies zeigt die Herausforderung im Umgang mit der rassistischen Fremdbezeichnung im Kontext der NS-Geschichte. Wollte man hier die Nennung des Begriffs Zigeuner vermeiden und stattdessen Sinti* und Roma* einsetzen, würden die rassistisch-antiziganistischen, kulturalistischen und sozialen Zuschreibungen auf diese übertragen werden. Es könnte damit der Eindruck entstehen, dass die Verfolgung u.a. mit dem Verhalten von Sinti* und Roma* zu tun hatte. Doch die Nationalsozialist*innen haben ihrer Perspektive nach nicht Sinti* und Roma* verfolgt, sondern diejenigen, die sie für Zigeuner gehalten haben. Diese Übertragung sollte vermieden werden, Sinti* und Roma* konnten nichts für ihre Verfolgung und sie konnten und können nichts für das Phantasma Zigeuner und dessen Aufladung mit antiziganistischem Bedeutungsgehalt. 

    Daraus folgt, dass wir in unserer historisch-politischen Bildungsarbeit im Kontext von Gedenkstätten den Begriff Zigeuner dann verwenden, wenn es um das Aufzeigen und die Delegitimierung des Antiziganismus geht. Wir bezeichnen keine Gruppen oder Individuen mit diesem Begriff, sondern zeigen auf, wie Gruppe oder Individuen über die Verwendung des Zigeuner-Begriffs verfolgt wurden, häufig Sinti* und Roma*, aber auch Jenische, Fahrende und andere Gruppen. Damit bewegen wir uns in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite ist die gänzliche Überwindung des Gebrauchs des Zigeuner-Begriffs im Alltag ein erstrebenswertes Ziel. Auf der anderen Seite lassen sich insbesondere der historische Antiziganismus, aber auch verschiedene Ausprägungen des gegenwärtigen Antiziganismus, nicht adäquat nachvollziehen, kritisieren und delegitimieren, wenn nicht die Konstruktion und Bedeutungszuschreibung gegenüber dem Phantasma Zigeuner analysiert und diskutiert werden. 

    Gegenwärtiger Antiziganismus kommt häufig ohne diese rassistische Fremdbezeichnung aus. Das dürfte auch daran liegen, dass inzwischen bis weit in die Dominanzgesellschaft hinein bekannt ist, dass man diese Bezeichnung nicht verwenden sollte. An den damit verknüpften Stereotypen hat sich jedoch oft wenig geändert, auch wenn die Selbstbezeichnung der Betroffenen (Sinti* und Roma*) verwendet wird. Zusätzlich kursieren eine Reihe von Codierungen, die sich historisch immer wieder wandeln. So ist z.B. bekannt, dass in polizeilichen Ermittlungen mitunter die rassistische Chiffre „MEM“ (Mobile Ethnische Minderheit) verwendet wird. In der öffentlichen Debatte wiederum ist eine bestimmte Migrationsbewegung aus den EU-Ländern Rumänien und Bulgarien so stark mit antiziganistischen Topoi verknüpft worden, dass je nach Kontext schon die Nennung von „Rumänen“ und „Bulgaren“ im Sinne eines Dogwhistling als antiziganistische Codierung verstanden werden kann. Das führt außerdem dazu, dass Menschen aus diesen Ländern in Deutschland häufig Antiziganismus erfahren, auch wenn sie keine Roma* sind. Die historisch wechselnden Chiffren haben somit auch Auswirkungen darauf, wer von der antiziganistischen Zuschreibung betroffen ist und wer nicht. 

Links zu Antiziganismus-Definitionen

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